Leserbrief zum Kommentar "Mit Vernunft" von Carsten Heil am                     
11. 9. 2004                                                                     
                                                                                
"Des Menschen Herz ist boese von Jugend auf", weiss ihr Kommentator             
aus der Bibel zu zitieren, aus dem Buch also, dass dem Menschen von             
Geburt an seine Lasterhaftigkeit bescheinigt und ihm nahe legt, sich            
durch den wahren Glauben an den einen Gott einen Platz im Paradies zu           
sichern. Aehnliche Konzepte der Fehlerhaftigkeit des Menschen finden            
sich auch in den anderen "grossen" Weltreligionen, sei es nun der               
Islam oder auch die Religionen aus dem fernoestlichen Kulturkreis.              
                                                                                
Seltsam finde ich allerdings, dass sich dieses Konzept in den                   
Religionen nahezu aller Naturvoelker ueberhaupt nicht                           
wiederfindet. Dort ist der Mensch Teil seiner Umwelt, wird nicht                
separat davon gesehen oder aber auf einen Sockel gestellt, der diese            
Spezies zu etwas Besonderem macht. In diesen Religionen bedarf niemand          
der Rettung seiner ach so verdammten Seele, und erstaunlicherweise              
klappt das Zusammenleben in diesen Gemeinschaften (wo "wir" es ihnen            
denn noch erlauben und nicht versuchen, diese Menschen zu                       
"missionieren") erstaunlich gut. Einfach so.                                    
                                                                                
Zum durchschlagenden "Erfolg" der Weltreligionen konnte es erst                 
kommen, weil die Menschen unserer Kultur unter den damaligen                    
Umstaenden bereit waren, an das Mantra des "suendenbefleckten"                  
Menschen zu glauben (Ueberbevoelkerung, Seuchen, Hungersnoete, all              
das, was wir nahezu unveraendert auch noch heute vorfinden).                    
                                                                                
Der Mensch: Von Geburt an fehlerhaft, und von Geburt an nur aufs Boese          
bedacht, "Erbsuende" eben.                                                      
                                                                                
Versuchen Sie doch einmal, einem Inuit-Eskimo oder aber                         
amerikanischen Ureinwohner diese Weltanschauung zu vermitteln. Ich              
vermute mal, Sie werden nur ein bemitleidendes Laecheln ernten. Fuer            
die Menschen "unserer" Kultur moegen diese Annahmen gelten, aber bitte          
begehen Sie nicht den Fehler, sich deshalb gleich fuer die                      
"Menschheit" zu halten.                                                         
                                                                                
Mit freundlichen Gruessen,                                                      
                                                                                
Uwe Schuerkamp

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Last update: 2004/09/23 18:11:28.198 GMT+1