Neue Westfälische Forum der Leser Betreff: Welternährungskonferenz / Greenpeace / Kommentar Peter Jansen vom 4.9.01. Sehr geehrte Damen und Herren, Herr Jansen führt uns die erschreckenden Zahlen vor Augen: 18,000 Kinder sterben pro Tag an Unterernährung, 800 Millionen Menschen weltweit hungern. Er erwähnt, dass die beteiligten Themengebiete viel zu komplex seien und keine einfache Lösung zuließen, sondern auf allen Sektoren Fortschritte erreicht werden müßten, um dieses Problem zu lösen; die kategorische Ablehnung von genmanipulierter Nahrung bringe uns jedoch nicht weiter. Seit Jahrtausenden sind Hungersnöte und Epidemien Begleiterscheiungen unserer Kultur, seit ca. 500 Generationen verfolgen wir gebannt ein Symptom namens "Bevölkerungsexplosion", und können uns nicht erklären, wie dies wohl zustande kommt. Paradox scheint auch, wie doch anscheinend bei nicht ausreichend vorhandener Nahrung überhaupt ein Wachstum stattfinden kann? Und wieso leiden immer mehr Menschen Hunger, wo doch die Nahrungsproduktion seit 500 Generationen ebenfalls exponentiell wächst? Wie viel Nahrung *mehr* müssen wir noch produzieren, damit alle satt werden? Dabei ist ja eigentlich genug für alle vorhanden, haben wir also nur ein "Verteilungsproblem", wie es so gern genannt wird? Ökologisch ist die Sachlage klar: keine Spezies wächst exponentiell angesichts mangelnder Nahrung, und keine Spezies verschwindet im Angesicht eines Nahrungsüberangebotes. Eine Bevölkerungsentwicklung wie die unsere ist überhaupt nur möglich angesichts eines exponentiell steigenden Nahrungsangebotes, denn die jedes Jahr neu hinzugekommenen Menschen bestehen ja nicht aus Mondlicht, Staub oder sonst etwas, sondern physikalisch aus mensch gewordener Nahrung. "Du bist, was du isst", sagt ein altes Sprichwort. Wird umgekehrt vielleicht ein Schuh draus? Ist das scheinbar grenzenlose Bevölkerungswachstum vielleicht eine direkte Folge des seit der "landwirtschaftlichen Revolution" vor ca. 10,000 Jahren exponentiell gewachsenen Nahrungsüberschusses? Systemtheoretikern ist ein derartiger Effekt unter dem Namen "positive Rückkopplung" bekannt: Mehr Nahrungsüberschuss => Mehr Menschen => Mehr Nahrungsüberschuss => Mehr Menschen ad infinitum, und leider exponentiell, d.h. über alle Grenzen wachsend. Die wenigsten meiner Zeitgenossen hätten wohl keine Probleme mit dieser These, wenn wir oben "Menschen" durch "Mäuse" oder eine andere Spezies ersetzen. In unserer Kultur nimmt der Mensch jedoch eine Sonderstellung unter den Lebewesen ein: Die einfachsten ökologischen Zusammenhänge gelten für den "homo sapiens" nicht, so glauben wir jedenfalls gerne. Um in der obigen Analogie zu bleiben: Ein Feuer löscht man am besten, in dem man reichlich Öl hinein giesst. Natürlich gibt es auch reichlich Fälle von exponentiellem Wachstum in natürlichen Systemen: Eine tödliche Virusinfektion ist ein gutes Beispiel, es endet nur leider fatal, sowohl für die Viren als auch den befallenen Wirtsorganismus. So lange wir dem Konzept der "totalitären Landwirtschaft" (in den Worten des amerikanischen Literaturpreisträgers Daniel Quinn) folgen, deren einziges Ziel die Umwandlung der Biomasse dieses Planeten in menschliche Biomasse ist, werden Hungersnöte gigantischen Aussmaßes unser treuer Begleiter bleiben, Genmanipulation hin oder her. Uns bleiben nach internationalen Studien (WHO, "Club of Rome" etc) noch etwa 100 Jahre, um dieses Problem effektiv in den Griff zu bekommen; Leider vermute ich, dass unsere Nachkommen dann immer noch sprach- und hilflos auf die Exponentialkurve[1] starren werden. Mit freundlichen Grüßen, Uwe Schürkamp Herford [1] siehe hierzu auch http://www.artstribe.com/green/pages/Timeline.html
Last update: 2003/01/17 13:14:35.944 GMT+1