Hallo Robin, dies ist die 'Rede', die ich fuer deine Konfirmation vorbereitet hatte. Da auch Woytek keine Rede gehalten hat und auch sonst niemand, moechte ich sie dir auf diesem Wege zukommen lassen. Konfirmation --- was bedeutet das eigentlich? Du hast heute am Wein genippt, eine trockene Oblate gekaut und vor allen Gemeindemitgliedern deinen Glauben an Gott bekannt. Sicher ein eindrucksvolles Erlebnis; bestimmt hattest du auch in deiner Katchumenenzeit diverse einschneidende Erlebnisse. Bei mir waren das: - mein erstes "Live-Konzert" mit Pastor Kaleschke "Daaaanke / fuer meine AAaaarbeitsteeeelleee..." - mein erster Zungenkuss mit Silke Lorenz (wow! Ich war noch NICHT bereit fuer sowas, ganz sicher ;-) - Meine erste "richtige" Pruefung, mit niemand anderem als Nils Schwan im "Pruefungsausschuss" (weil er gerade in der Naehe herumstand und die doofen Presbyter ihn einluden, doch "mitzumachen") Unsere Kultur haelt fuer junge Leute viele Huerden zum Erwachsenwerden bereit: Konfirmation, Lehre / Abi, Fuehrerschein, usw. Jedes Mal sollst du in den Augen deiner Mitmenschen ein "bisschen" erwachsener werden. Aber wann bist du eigentlich erwachsen? In vielen meiner Bekannten (und auch in mir) steckt immer noch kleiner Junge, der gerne raus moechte und diese eine Frage stellt: "WANN bin ICH eigentlich erwachsen?" Haengt das von dem Auto ab, dass ich fahre? Von meinem Einkommen? Von meinem Urlaubsort? Es gibt andere Kulturen auf diesem Planeten, in denen dieses Problem nicht besteht. Es gibt eine eindeutige Schwelle auf dem Weg von der Kindheit zum Erwachsenen, die genau einmal ueberschritten wird. Es gibt kein vor und auch kein Zurueck, und es gibt auch keine Fragen mehr, ob du jetzt ein Erwachsener bist oder nicht. Du bist nach Abschluss dieser Zeremonie ein vollwertiges Mitglied der Gemeinschaft. Keine Fuehrerscheine. Kein Wahlrecht. Kein Alkoholverbot. Kein "du bist zu jung dafuer" mehr, niemals. Das Ueberschreiten dieser Schwelle ist oft mit Schmerzen verbunden; Indianer-Staemme im mittleren Westen der USA halten z. B. ihre Toechter fuer mehrere Naechte am Stueck wach und verlangen am Abschluss einen "Dauerlauf", um Staerke und Gesundheit fuer den Rest ihres Lebens sicher zu stellen ; Maennliche Kinder eines anderen Stammes legen sich einen Tag auf einen Ameisenhuegel, (rote Ameisen, wohlgemerkt), um Staerke und Willenskraft zu zeigen; oder werden bis zu den Schultern eingegraben und fuer einen Tag lang so gelassen, um den "Uebergang" zu durchlaufen. einige Aborigine-Staemme Australiens verlangen von ihren Jugendlichen, ihren Penis bis zum ueblen Bluterguss mit Steinen zu bearbeiten und sich dann ein paar Vorderzaehne ausschlagen zu lassen. Anschliessend verbringen sie eine Woche allein, abgeschnitten von allen anderen Stammesmitgliedern, um ihre Faehigkeit zum "Ueberleben" unter Beweis zu stellen (natuerlich ist immer jemand in der Naehe, um im Notfall einzugreifen). All diesen Ritualen ist gemein, dem Jungen eines zu vermitteln: "Du bist jetzt ein Teil von uns, traegst Verantwortung, bist einer von uns, vom aeltesten Mann zum staerksten Krieger. Leidest du, leidet der Stamm, leidet der Stamm, so leidest auch du.". Was immer dir auch das heutige Ritual bedeutet --- ich moechte dir sagen, dass ich auch nach deiner "Bestaetigung" (Konfirmation, im Glauben bestaetigt) ein Teil sein moechte dieser Gemeinschaft, die mit dir leidet, wenn du leidest, und die sich mit dir freut, wenn du dich freust... so wie die Jahre vorher. Dein "Patenonkel" Uwe.
Last update: 2003/01/18 02:28:00.190 GMT+1